Was bleibt, wenn die Bücher aussortiert sind?
Vor einigen Wochen stand ich vor einer bunt bemalten Tür. Über mir ein Schild mit der Aufschrift «Notausgang».
Während das Foto entstand, schenkte ich dem Schild kaum Beachtung. Erst später, als ich das Bild wieder anschaute, blieb mein Blick daran hängen. Ausgerechnet Notausgang. Ich musste schmunzeln.
Denn manchmal gibt es im Leben Wege, die sich zunächst tatsächlich wie ein Notausgang anfühlen. Wir verlassen ein Studium, eine Aufgabe, eine Rolle oder eine Vorstellung davon, wer wir sein sollten, weil etwas nicht mehr passt. In diesem Moment sieht es vielleicht nach Abbruch, Umweg oder sogar Scheitern aus. Erst viel später erkennen wir, dass wir nicht vor etwas davongelaufen sind. Wir haben lediglich einen Raum verlassen, der für unsere weitere Entwicklung zu eng geworden war.
Wie oft glauben wir, angekommen zu sein?
Nach einer Ausbildung. Mit dem Traumjob. Nach einer Weiterbildung. Mit einer Beförderung. Oder dann, wenn endlich alles so aussieht, wie wir es uns lange vorgestellt haben.
Und doch zeigt sich manchmal erst Jahre später, dass dieser vermeintliche Endpunkt gar keiner war. Vielleicht war er vielmehr eine Tür. Vielleicht sogar ein Notausgang aus einer Vorstellung, die einmal richtig war, aber nicht für immer richtig bleiben musste.
Vielleicht beginnt Entwicklung genau dort: nicht, wenn wir alles gefunden haben, sondern wenn wir bereit sind, einen vertrauten Raum zu verlassen.
Ein paar Tage nach diesem Foto begann ich, mein Bücherregal auszuräumen. Eigentlich wollte ich nur Platz schaffen. Während ich Buch für Buch in die Hand nahm, fiel mir auf, wie unterschiedlich die Themen waren: Mediation, Konfliktmanagement, Coaching, Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung, Sensitivität und Intuition.
Aus einer spontanen Idee heraus bat ich ChatGPT, einige dieser Bücher zusammenzufassen. Die Antwort überraschte mich. Sinngemäss hiess es, ich würde mich von einem wichtigen Teil meiner fachlichen Entwicklung verabschieden: von der klassischen Mediation hin zu einem breiteren Verständnis von Potenzial, Intuition und Führung.
Ich las den Satz mehrmals und fragte mich: Stimmt das überhaupt? Verabschiede ich mich wirklich von diesen Themen? Oder verabschiede ich mich lediglich von den Büchern?
Diese Frage liess mich nicht mehr los.
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir:
Wir sortieren keine Erfahrungen aus. Wir sortieren Bücher aus. Das Wissen bleibt. Begegnungen bleiben. Erkenntnisse bleiben. Sie stehen irgendwann einfach nicht mehr im Regal, weil sie längst Teil von uns geworden sind.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Wegwerfen und Weitergehen. Wir verlassen einen Raum, aber wir verlieren nicht, was wir dort gelernt haben. Wir nehmen es mit, auch wenn es später in einer anderen Form sichtbar wird.
Der Notausgang führt dann nicht aus unserer Geschichte hinaus. Er führt uns lediglich aus einer alten Vorstellung davon, wie diese Geschichte zu verstehen ist.
Vielleicht erkennen wir erst im Rückblick, dass vieles, was einmal wie ein Umweg, ein Abbruch oder sogar ein Notausgang aussah, längst Teil eines roten Fadens geworden ist.
Nicht alles, was wir zurücklassen, verlieren wir. Manche Erfahrungen müssen nicht länger sichtbar vor uns stehen, weil sie längst in uns weiterwirken. Sie prägen, wie wir Menschen begegnen, wie wir Entscheidungen treffen und worauf wir heute vertrauen.
So betrachtet war auch die Mediation kein abgeschlossener Abschnitt meiner beruflichen Geschichte. Sie hat meinen Blick für Konflikte, unterschiedliche Perspektiven und das Ungesagte geschärft. Dieses Wissen ist nicht verschwunden. Es fliesst heute in meine Arbeit mit Menschen, Führung und erhöhter Wahrnehmungsfähigkeit ein.
Vielleicht besteht Entwicklung deshalb weniger darin, immer wieder etwas völlig Neues zu beginnen. Vielleicht geht es darum, zu erkennen, wie sich das, was wir erlebt und gelernt haben, miteinander verbindet.
Manchmal braucht es dafür einen Notausgang. Manchmal ein leeres Bücherregal. Und manchmal einen Satz, der uns irritiert und dadurch eine neue Frage öffnet.
Ich habe also nicht einen Teil meiner Geschichte aussortiert. Nur ein paar Bücher. Der Rest ist längst mit mir weitergegangen.
In diesem Sinne „kalo mina“ & einen wundervollen August



