kalo mina - Juni 2026 Tragkraft. Eigenweg. Zuversicht. Beitragsbild

kalo mina – Juni 2026

05. Juni 2026

Borrowed Infrastructure – Was trägt dich, wenn das Vertraute wegfällt?

Seit einigen Monaten begleite ich wieder vermehrt Menschen, die sich neu orientieren müssen.

Nicht unbedingt, weil sie es wollen.

Sondern weil sich ihr Umfeld verändert hat.

Die Rolle fällt weg. Die Organisation verändert sich. Eine Transformation bringt Bewegung in etwas, das lange stabil schien.

Und immer wieder taucht dieselbe Frage auf:

Wer bin ich, wenn das, was mich bisher getragen hat, plötzlich nicht mehr da ist?

Vor Kurzem bin ich auf einen Begriff gestossen, der mich nicht mehr loslässt: Borrowed Infrastructure.

Gemeint ist alles, was wir nutzen, das aber nicht wirklich uns gehört. Die Rolle, der Titel, die Organisation, die Marke oder das Netzwerk anderer Menschen.

Nichts davon ist grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil. Wir alle bewegen uns in solchen Strukturen. Unternehmen geben Orientierung. Rollen schaffen Klarheit. Netzwerke öffnen Türen.

Schwierig wird es erst dann, wenn wir vergessen, wie viel davon ausserhalb von uns liegt.

Denn was passiert, wenn diese Infrastruktur plötzlich wegfällt?

Einer der herausforderndsten Momente in beruflichen Übergängen ist oft nicht die Veränderung selbst. Sondern der Moment, in dem jemand erkennt, dass die Visitenkarte nie die eigentliche Identität war.

Plötzlich fehlt etwas, das lange selbstverständlich war. Ein Stück Orientierung. Ein Stück Sicherheit. Das kann sich anfühlen wie eine Achterbahnfahrt. Verunsichernd. Manchmal überwältigend. Oft begleitet von der Frage, wie es weitergehen soll.

Und gleichzeitig liegt genau darin auch eine Einladung.

Eine Einladung, neu hinzuschauen.

Auf das, was bleibt.

Auf das, was unabhängig von Rolle, Titel oder Organigramm schon immer da war.

Vor einigen Tagen war ich auf meinem ersten Klettersteig unterwegs.

Für mich war das weit mehr als ein sportliches Erlebnis.

Es war eine Erinnerung daran, was Vertrauen eigentlich bedeutet.

Vertrauen in mich. Vertrauen in den Menschen an meiner Seite. Vertrauen in das Seil. Und vielleicht auch ein Stück weit Vertrauen ins Leben. Das Vertrauen, dass etwas mich hält, selbst wenn ich einmal den Halt verliere.

Besonders beeindruckt hat mich, dass es auf demselben Klettersteig nicht die eine richtige Route gab.

Menschen mit langen Beinen fanden andere Tritte als Menschen mit kurzen Beinen. Manche bewegten sich kraftvoll nach oben, andere eher bedacht und strategisch. Jede und jeder fand einen eigenen Weg.

Interessanterweise bestätigt das auch die Sportwissenschaft. Beim Klettern entscheidet nicht allein Muskelkraft über den Erfolg. Technik, Bewegungsökonomie, Erfahrung, mentale Stärke und die Fähigkeit, kreative Lösungen zu finden, spielen eine ebenso wichtige Rolle.

Während ich dort unterwegs war, musste ich immer wieder an berufliche Übergänge denken.

Auch dort suchen wir oft nach dem einen richtigen Weg. Nach der einen richtigen Entscheidung. Nach der perfekten Route.

Doch vielleicht geht es gar nicht darum.

Vielleicht geht es vielmehr darum, den eigenen Weg zu finden. Dem eigenen Tempo zu vertrauen. Der eigenen Wahrnehmung. Dem, was für uns selbst stimmig ist.

Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe in Übergangsphasen nicht darin, möglichst schnell etwas Neues zu finden.

Vielleicht geht es zuerst darum, zu erkennen, was bereits da ist:

  • Unsere Werte

  • Unsere Erfahrungen

  • Unsere Beziehungen

  • Unsere Interessen

  • Unsere Neugier

  • Unsere Lernfähigkeit

  • Unsere Intuition

  • Unsere Wahrnehmungsfähigkeit.

All jene Dinge, die nicht verschwinden, wenn ein Organigramm geändert wird oder ein Titel wegfällt.

Vielleicht ist genau das unsere eigentliche Infrastruktur.

Nicht die geliehene, sondern die eigene.

Die, die wir überallhin mitnehmen. Die bleibt, wenn sich Rollen verändern, Titel wegfallen oder Organisationen neu aufstellen.

Die, auf die wir zurückgreifen können, wenn sich im Aussen vieles verändert.

Reflexionsfragen:
Was in deinem Leben gehört wirklich zu dir?
Und worauf stützt du dich vielleicht stärker, als dir bewusst bist?

Vielleicht beginnt echte Sicherheit nicht dort, wo alles stabil bleibt.
Sondern dort, wo wir entdecken, was uns trägt, wenn sich alles verändert.

Kalo Mina – ich wünsche dir einen wunderbaren Juni

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